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Dr. Kirsten Claudia Voigt zur Ausstellung „Künstler laden Künstler ein“ im EWerk Freiburg mit
Irmela Maier, 18. März 2005 Das Interieur dient Malern
seither zu dreierlei: erstens als Bühne, auf der das Spiel des Lichtes im Raum
inszeniert wird – denken Sie an Pieter de Hooch ebenso wie Matisse; zweitens
als Kulisse sozialer Szenen – vor allem dies interessierte die niederländische
Genremaler, aber freilich auch Van Gogh und Menzel. Und schließlich wird das
Innenraumbild zum Gleichnis des Innenlebens, zum lesbaren Psychogramm – denken
Sie an die Atelierbilder der Romantik, die Darstellung behüteter Innerlichkeit
im Biedermeier oder an die zerberstenden Innenräume des Expressionismus. Das
Innenleben dessen, der den Raum bewohnt, vielleicht gerade verlassen hat, gehen
musste oder gleich zurückkehren wird, dessen Geschichte, Marotten, Niederlagen,
Freuden, Stimmungen dieses Umfeld aufgesogen hat, wird für uns erahnbar.
Picasso nannte das Interieur „innere Landschaft“ – und Silvia Schmidt verknüpft
häufig überraschend, doppelbödig, changierend derartige innere und äußere
Landschaften. Außenraum dringt in den Innenraum ein, Teichrosen blühen mitten
im Zimmer, das Mobiliar steht verlassen und verflüchtigt sich – wie auch andere
Gegenstände – zu Schemen. Andererseits werden äußere Landschaften mit
Versatzstücken aus Innenräumen durchsetzt, wird Natur zum filigranen Ornament,
sehen wir Architektur in die Landschaft hineinstoßen. Ob sich in Fenstern
Spiegelungen abzeichnen oder wir hindurch sehen, ob die Figuren an der Wand
reines Dekor oder geisterhafte Erscheinungen sind, bleibt ungewiss. Die Böden
scheinen dünn und glatt wie Eis und Glas. Mal opak, mal transparent, mal
kontrolliert, mal frei rinnend tritt die Farbe auf den Plan. Die Malerei
präsentiert sich wandlungsfähig in ihrer Vielschichtigkeit – partienweise lässt
sie sich verführen, der Illusion zu dienen und verführt uns mit, an Fliesen,
Wänden, an Fenster, Türen und Tapeten (und Geister aus Gemälden von Bosch und
Grünewald) zu glauben, dann wieder sehen wir einfach nur kraftvoll komponierte
Farbflächen aufeinander oder auf zeichnerisch offene Gesten treffen. Nichts
erstarrt im Korsett einer anfänglichen Bildidee, einer Kompositionsüberlegung,
sondern der malerische Prozess ist jener, fortschreitender Überlagerungen und
Konterkarierungen, rigoroser Zurücknahmen und neuer Anläufe, min denen sich
Mlaerei selbst entlarvt, auf die schliche kommt, ihr Recht auf
Unberechenbarkeit fordert. Kein Ding steht sicher an seinem Platz, jede Fläche lässt
uns wissen, dass untergründig anderes, mehr, schöneres, älteres, aber auch
zukünftiges existiert. Oberflächen sind immer nur Teil eines Ganzen aus
Schichten, Außenhaut, Abglanz. Leere Stühle und Sessel, klassische Symbole des
erlebten oder gefürchteten Selbstverlustes, können auch Einladungen, Angebot
sein, sich niederzulassen, zur Ruhe zu kommen, um sich zu finden | ||||||
Dr. Joachim Hacker Ausstellung „Vive la Trance“ von Silvia Schmidt 25. 9. 2009 Hinterzarten (Skimuseum) Auf die Ausstellungen des Schwarzwälder Skimuseums ist Verlass, meine sehr verehrten Damen und Herren, auf den hier gezeigten Bildern erkennen wir zumeist, was der Künstler oder die Künstlerin uns zeigen möchte. Gegenständliche Malerei also, wie Sie beim Betreten des oberen Stockwerkes vielleicht erleichtert festgestellt haben oder noch feststellen werden. So auch bei Silvia Schmidt. Es sind überwiegend Landschaften und Innenräume, die zu sehen sind, oder auch Innenräume mit Landschaften, oder Landschaften als Innenräume, so genau ist das bei ihr nicht auseinander zu halten. Da erscheinen durchaus schon einmal die blühenden Obstbäume im Garten als Abbild auf dem Kamin im Innenraum, so, als könnten wir plötzlich durch Wände hindurch schauen. Silvia Schmidt führt uns in Zimmer, kleine Kammern und große Schlosssäle, in karg möblierte Räume aus denen der Blick ungehindert durch ein geöffnetes Fenster, eine Tür, in eine Landschaft, einen Garten, den schwarzen Wald oder eine Winterlandschaft schweift. Klassische Genremalerei also, denken wir. So weit, so gut! Auch so langweilig? Vorsicht, meine Damen und Herren, ich warne Sie: Silvia Schmidt führt Sie in die Irre! Nur bei oberflächlicher Betrachtung sind die Dinge bei ihr einfach, eindeutig und klar zuzuordnen. Auf den zweiten Blick sind wir irritiert, halten inne und fragen uns: was sehen wir denn da wirklich? Die Bilder scheinen uns einerseits vertraut und doch zugleich seltsam fremd zu sein. Wir befinden uns an bekannten Orten – in einem Zimmer, einem Wald -, ohne uns dort zurecht zu finden oder zu hause zu fühlen. Vertraut sind uns zunächst die Bildinhalte: Sessel, Sofa, Couch, Bett, Vorhänge und Teppiche. Vertraut ist uns auch der Wald im Wechsel der Jahreszeiten. Überrascht sind wir vielleicht von der intensiven, stark kontrastierenden Farbigkeit des Interieurs, die allenfalls durch den leicht matten Pastellton, der von der Künstlerin selbst abgemischten Eitempera gemildert wird. Eine ultramarin oder orange leuchtende Couch, fliesenartig gemusterte Fußböden und Teppiche in kräftigem rot-blau, dunkel-violette Vorhänge und Wände verleihen den Bildern Intensität und Tiefe, irritieren aber zugleich durch eine uns ungewohnte Farbgebung, die aus den uns vertrauten Räumen in eine fremde Welt zu führen scheint. Die Farbe wird teils flächig mit vielfachen, Tiefe gebenden Übermalungen aufgetragen, teils aber auch streng geometrisch als Quadrate oder Rhomben in Fußböden, Decken und Kissen hinein komponiert. Die Räume sind zumeist menschenleer, dafür finden wir darin exotische Pflanzen und Tiere, die uns fremd erscheinen und einer anderen Welt, einer Fantasie- oder Traumwelt zu entstammen scheinen. So fühlen wir uns beim Betrachten der Bilder zunehmend verunsichert. Die Couch erinnert uns plötzlich an Sigmund Freud und wir fragen uns, ob wir es noch sind, die hier durch geöffnete Fenster und Türen nach außen blicken, oder ob vielleicht doch jemand anderes – die Künstlerin etwa? – unser Inneres von außen betrachtet. Auf raffinierte Weise werden hier Innen- und Außenraum miteinander verknüpft, werden innere und äußere Landschaft zu einem durchgängigen, miteinander verbundenen Raum. Mal wuchert die Natur in den Raum hinein, mal finden wir Teile des Mobiliars in der Natur wieder. Die Übergänge sind fließend und durch offene Durchlässe nur unvollständig gegeneinander abgegrenzt. Raum und Zeit scheinen auf wunderbare Weise miteinander zu verschmelzen. Innerlich schwankend versuchen wir uns zu orientieren. Sehen wir hier einen Innenraum, eine Landschaft oder vielleicht nur ein Stillleben vor uns? Diese bewusst herbeigeführte Irritation scheint mir typisch für die Absicht der Künstlerin zu sein, uns als Betrachter in ihre Arbeiten zu integrieren. Dabei stehen wir nur selten selbst im Geschehen, fast immer finden wir uns in der Position des Betrachters von außen wieder. Wir blicken als Zuschauer mal von oben in einen Raum hinein, mal sehen wir aus der Froschperspektive einen Skateboardfahrer aus der Landschaft springen oder blicken geradeaus in die tiefe Schwärze einer Waldschneise, oder eine in der Ferne sich verlierende Allee entlang. Diese permanenten Perspektivwechsel tragen ebenfalls zur Verunsicherung des Betrachters bei und machen deutlich, wie verfremdet die Dinge, aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, uns erscheinen können. Natürlich darf im Schwarzwälder Skimuseum der Wald nicht fehlen. Silvia Schmidt beschert uns gleich einen ganzen Raum davon. Aber was ist das für ein Wald? Es ist nicht die aus strammen gleichförmigen Stämmen bestehende Fichten-Monokultur, die wir Deutsche angeblich so sehr lieben, der Wald von dem der Schriftsteller Elias Canetti einmal behauptet hat, dass der Deutsche sich dort nur so wohl fühlt, weil die aufrechten Bäume des Waldes ihn an ein Heer erinnern. Nein, bei Silvia Schmidt ist es eher ein Schwarzwald-Dschungel, ein Kleineisenbacher-Bannwald, den wir sehen. Den wir aber nur in begrenzten Ausschnitten von wild wuchernden Pflanzen, sich überkreuzenden Stämmen und sich verschlingenden Ästen zu Gesicht bekommen und dessen dunkel violette Farbgestaltung uns Einsamkeit und Verlassenheit signalisiert. Und erst die Bildbezeichnung gibt uns Aufschluss darüber, dass nicht die letzten Sonnenstrahlen durch die Stämme dringen, sondern ein Waldbrand bedrohlich nahe heran rückt. Aber auch ohne Bildtitel wie „Düsterer Wald“ oder „Waldnacht“ spüren wir : dieser Wald bietet uns keinen Schutz, hier sind wir verlassen und verloren und können nur mit Eichendorff sagen: Alles geht zu seiner Ruh. Mit nur wenigen Andeutungen gelingt es Silvia Schmidt immer wieder, ihre Bilder mit einer verstörend bedrohlichen Atmosphäre aufzuladen. Da fällt der Blick aus dem Atelierfenster auf ein Idyll mit Zypressen, das sich als Friedhofslandschaft herausstellt. Oder es reicht das Bild eines einsamen, uns den Rücken zuwendenden Mädchens, das rote Kleid leicht geschürzt, in die Ferne blickend, um albtraumhafte Ängste in uns aufsteigen zu lassen. Was erwartet das Kind am Ende des Bachlaufs, der von Mauer und Hang begrenzt und einem Blätterdach bedeckt wie ein Tunnel vor ihm liegt. Wird sie ihr Ziel unbeschadet erreichen? Was zunächst nach kindlichem Idyll aussieht, verwandelt sich bei genauer Betrachtung in eine mit bedrohlicher Spannung aufgeladene Bildsituation. Die Bilder sind zumeist menschenleer und die Räume scheinbar unbewohnt. Das Geheimnis des Interieurs in der Kunstgeschichte besteht gemeinhin darin, uns einen Blick auf das Intime und Alltägliche der Menschen werfen zu lassen. Silvia Schmidt gibt uns aber keinen Aufschluss über die Bewohner ihrer Räume und verleitet uns damit zu eigener Spekulation. Aber auch leere Räume, die nur noch vom grell einfallenden Tageslicht bewohnt scheinen, haben eine Geschichte, sind geprägt von Personen, die einmal dort gelebt haben oder vorübergehend abwesend sind, einer Geschichte, die wir nur erahnen können: vielleicht die einer Zweisamkeit im sinkenden Licht der Abendsonne oder von Frühstücksaromen und frischem Morgenlicht, oder die der Einsamkeit eines verträumten Nachmittags auf der Couch? Wir sind also eingeladen, unsere Phantasie schweifen zu lassen und die Bilder selbst mit Leben zu erfüllen. Zu füllen mit unseren eigenen Vorstellungen, Wünschen und Ängsten. Silvia Schmidts Bilder lassen unserer Phantasie alle Freiheiten, aber sie fordern uns auch auf, sie einzusetzen, uns selbst einzubringen, zu öffnen und uns damit unserem Innern zu nähern. Je nach unserer eigenen Gefühlswelt werden die unterschiedlichsten Bilder vor unserem inneren Auge aufsteigen und es die Kunst von Silvia Schmidt uns in ihren Bildern letztlich zur Selbsterfahrung zu führen. Dazu tragen auch surreale Bildinhalte bei, in denen in einer uns scheinbar vertrauten Umwelt plötzlich Löwen, wie auf einer Leinwand, durch die Savanne streifen, in der Vorhalle eines verlassenen Schlosses eine Pferdegruppe der Wand entspringt oder über einer roten Couch Fabelwesen von Hironymus Bosch aus dem Dunkel erscheinen, um durch die geöffnete Tür wieder zu verschwinden. Diese wie Feen die Bilder durchstreifenden Geistwesen, scheinen ganz unserer Traumwelt zu entstammen. Es sind Bilder, wie sie uns im Zwischenreich vom Wachen zum Schlaf, im Übergang von der Realität zum Traum überkommen, um am nächsten Morgen in unserem Bewusstsein haften zu bleiben. Selbst wenn wir auf den ersten Blick nur einen leeren Raum vor uns zu sehen meinen, sind die Bilder Silvia Schmidts emotional stark aufgeladen und berühren uns im Innersten, wenn wir uns darauf einlassen. „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluten Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität.“ sagte André Breton 1924 im ersten Manifest des Surrealismus. Silvia Schmidt steht, indem sie Reales mit Traumhaften verbindet durchaus in der Nachfolge der Surrealisten . Es gelingt ihr aber, dies auf eine so diskrete, unmerkliche Weise zu tun, dass der Betrachter die Zusammenhänge selbst entdecken und an sich selbst erfahren muss. Der Innenraum wird zur Innenschau, zum lesbaren Psychogramm. Der Titel der Ausstellung „Vive la Trance“ ist also mehr als nur ein nettes Wortspiel, mehr als nur der Titel einer Arbeit von Silvia Schmidt, er kann als Motto über allen hier gezeigten Arbeiten der Künstlerin stehen. Über Bildern, die uns einen besonderen Zustand beim Hinüberwechseln (transe – hinübergehen) von einem Bewusstseinszustand in den anderen vor Augen führen. Bilder, die uns einen Dämmerzustand mit eingeschränkter Wahrnehmung für unsere reale Umgebung, aber höchst geschärfter Aufmerksamkeit für Eindrücke aus dem Zwischenreich von Wirklichkeit und Traum vor Augen führen. Und im besten Falle gelingt es diesen Bildern, den davon gefesselten Betrachter selbst in einen solchen Zustand zu versetzen. Nun aber sind Sie gefordert, die Bilder zu entdecken, sich von ihnen fesseln und die Sinne verwirren zu lassen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Entdeckung des Bildes hinter dem Bild. © Dr. Joachim Hacker
Letzte Änderung : 02.10.2009 |